Ken Guru: 'Streetart' [Manifest] Zitat: asozial Wiki: Jack the Ripper
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Bürgergeld und Weltschmerz
| 18. January 2026 |
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Gøtterdæmmerung
locker room #83: trash, drugs ´n male bonding
„Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit“
Christian Freuding, Generalmajor der Bundeswehr, 2025
Hört sich doch gut an?
„Manches Vergnügen besteht darin, dass man mit Vergnügen darauf verzichtet.“ CIA-Verhörmethode
Wir wollen hundertprozentig ehrlich sein: 99 Prozent der Musik-Clips in diesem Artikel sind ganz schön nerdig, kein einziger macht richtig Spaß und einer ist voll daneben.
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Hört sich doch gut an?*
*Warum Musik dann eben doch leider ziemlich viel mit Mathe zu tun hat
Tetsuo Kogawa at Goethe Gallery, Tokyo calling Ralf Homann in Berlin [Radio Kinesonus featuring Art's Birthday 2008]
Von Annett Scheffel • Musik ist die vielleicht emotionalste Kunstgattung. Sie versetzt uns seit Jahrtausenden in Ekstase. Oder rührt uns zu Tränen. Vom Säuglingsalter an reagiert jeder Mensch instinktiv und emotional auf Musik.
Time Will Tell (Celeste featuring Ina)
Was ich gerne früher über Deutschland gewusst hätte, 2025
Eine ganz natürliche Sache. An der aber so ziemlich alles komplett berechenbar ist: Warum uns ein Rhythmus in die Beine fährt zum Beispiel oder warum uns ein bestimmter Akkord wehmütig macht – all das hat mit einem komplexen System aus Zahlen zu tun.
Denn Musik ist im Kern nichts als reine Mathematik: messbare Luftschwingungen. Je schneller die Teilchen schwingen, desto höher die Frequenz, desto höher der Ton, den wir hören. Der tiefste Grundton eines Cellos liegt zum Beispiel bei 65 Hertz (Hz), das deutsche Telefonfreizeichen bei ungefähr 425 Hz, eine Piccoloflöte erreicht ihren höchsten Grundton bei etwa 4.200 Hz. Welche Töne – in westlichen Ohren – „harmonisch“ zusammenklingen, folgt mathematischen Regeln, die Pythagoras bereits vor 2.500 Jahren entdeckte. Je einfacher das Zahlenverhältnis der Frequenzen zwischen zwei Tönen, desto besser, reiner und wesensverwandter klingen sie: Verdoppelt man die Frequenz des einen Tons, hat man eine reine Oktave, im Verhältnis 3:2 eine reine Quinte. Was die alten Griechen schon wussten und Komponisten wie Bach und Mozart später verfeinerten, gilt für die Songs von Beyoncé und Justin Bieber immer noch.
Pythagoreische Harmonien
• Weitere Verschiebungen:
Pythagoreische Tonleiter (Feuchtwangen featuring Monochord)
Dr. B. Haas, 2019
Auch andere Kulturen musizieren mit einem Tonsystem aus Grundtönen und als harmonisch empfundenen Abständen, die sich in den Einzelheiten aber stark unterscheiden: Während sich die europäische Oktave in zwölf Halbtonschritte unterteilt, besteht die arabische wahlweise aus 17, 19 oder 24 ungleichmäßigen Intervallen. Diese Vierteltöne erscheinen uns in Europa fremd. Noch anders funktioniert es in chinesischen, indischen oder afrikanischen Tonsystemen südlich der Sahara.
Taktarten bestimmen (featuring Le Rouge Al Baniya, Le Vert Achchororeas Ali Ya Ali
antifa ist liebe, 2024)
Musiker sind Mathematiker, manchmal ohne es zu wissen. Sie bauen komplexe Strukturen aus Melodien und Harmonien, Takten und Tonarten. Denkt man sich in ihre Systematik hinein, ist Musik eine Anordnung von Zahlenreihen, Zählweisen und proportionalen Verhältnissen. Je nachdem, wie lang ein Ton gespielt wird, gibt es wie beim Bruchrechnen in der Schule ganze, halbe, Viertel-, Achtel- und Sechzehntelnoten. Und je nachdem, wie groß die Abstände zwischen den einzelnen Tönen auf einer Tonleiter sind (oder genauer: wie viele Halbtöne zwischen einem Dreiklang liegen), klingt ein Stück hell, klar und fröhlich (Dur) oder eher dunkel und traurig (Moll).
Daraus ergeben sich sehr, sehr viele Kombinationsmöglichkeiten. Dass die Songs im Radio dennoch oft ziemlich gleich klingen, hat damit zu tun, dass sich ganz gut berechnen lässt, welche Formeln und Muster uns an Musik berühren. Forscherinnen und Forscher haben einige Akkordfolgen identifiziert, die die Basis vieler Songs sind, die zu Hits wurden. Lenas „Satellite“ oder Helene Fischers „Atemlos“ folgen dem „Four-Chord“-Schema C-Dur / G-Dur / a-Moll / F-Dur. Auch die Beatles setzten schon auf dessen Ohrwurmqualität.
Bubble Bath Girl (featuring My Only Sunshine Donald, 2025)
Verwandt mit dem Four-Chord-Schema, aber als klassische Durkadenz I–IV–V–I
Berührend kann aber auch ein plötzlicher Lautstärkewechsel sein. Oder sogenannte Synkopen, wie sie oft in Jazz, Funk und Reggae vorkommen: Diese Musik empfinden wir nur deswegen als schwungvoller und weniger mechanisch, weil der Rhythmus anders als beim starren Viervierteltakt der Marschmusik leicht verschoben ist – beziehungsweise die Betonung zwischen den Taktschwerpunkten liegt. Es wird also einfach anders gezählt. Mit der Disco- und elektronischen Tanzmusik erlebte aber der gleichmäßig betonte Rhythmus als „4-to-the-floor“ ab den Siebzigern ein Revival.
Ital Dub (1974, Studio One featuring Amsterdam ontruiming 1980)
Starke Betonung der Offbeats (2+ und 4) statt der Downbeats
Wichtig ist natürlich auch, wie schnell oder langsam ein Song ist. Wer sich von Musik antreiben lassen will – beim Joggen oder auf einer Dubstep-Party –, hört am besten 140 Beats per minute, kurz BPM. Härterer Techno in den Clubs ist mit 160 BPM etwas schneller. Herzmassagen funktionieren mit dem Rhythmus von Songs mit einem Tempo von 100 bis 120 BPM besonders gut, also etwa mit „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees oder „Dancing Queen“ von Abba. Ob sich auch Kraftwerks „Musique Non Stop“ mit seinen eigentlich nahezu idealen 108 BPM besonders für die Herzdruckmassage eignet, verrät die Deutsche Herzstiftung hingegen nicht.
Musique Non Stop (1986, Kraftwerk Desktop Live Recording featuring
Florian Schneider, 2020)
Zwischen 2012 und 2017 wurden die meisten Popsongs immer langsamer: Das durchschnittliche Tempo der 25 erfolgreichsten Tracks auf Spotify ging von 113,5 auf 90,5 BPM zurück. Erklären kann man das unter anderem mit der kulturellen Dominanz von Hip-Hop, der schon immer langsamer war als andere Genres. Zudem wurden zwischenzeitlich viel mehr Songs in Moll- als in Dur-Tonarten geschrieben als zum Beispiel in den Sechzigern.
Get Sick Again (featuring 70th anniversary of Bundeswehr, 2025)
Totensonntag: Post-punkige D-Moll-Progression mit melancholischem Drive
Mittlerweile scheint sich der Trend aber wieder umzukehren: Heute liegt das durchschnittliche Tempo von erfolgreichen Songs auf Spotify wieder bei 122 BPM. Die Vermutung ist, dass härtere Zeiten auch dazu führen können, dass wir uns mit positiven, schnellen Songs ablenken wollen.
Kætæstrøphæl (Bøbgæ Sternesøn featuring Hæftbefehl)
Mit lieben Grüßen (nach Bayern, 2026)
Ermittlungsakte: 148 BPM, D Moll, düster-euphorisches Sample, Trap mit rückläufigem Synth-Arpeggio und hallgetränkter 808. Cinematischer Drill-Fluss, Spannung durch tonale Schärfe statt perkussiver Verdichtung.
Auch außerhalb der Musiklehre spielen Zahlen in der Popmusik eine große Rolle, weil technische Veränderungen sie stets genauso prägten wie die kreativen Entscheidungen der Musiker. Dass die meisten Popsongs um die drei Minuten dauern, ist kein Zufall: Song- und Albumlängen (und damit auch ihr Aufbau) veränderten sich mit den Speichermedien. Auf eine Schallplatte passte früher eben nur eine begrenzte Länge: zum Beispiel rund viereinhalb Minuten auf eine Sieben-Inch-Single bei 45 Umdrehungen pro Minute.
• Vinyl war gestern: Frittierfett-PET (Altspeiseöl mit recycelten Plastikflaschen vermischt, Markteinführung ca. 10/2026)
BioVinyl-Ableger, der bei 110 rpm quietschfidel knistert und nach Big Mac riecht.
Neuerdings macht sich der Vinyl-Retro Hype aber auch in den Presswerken bemerkbar: Die der Aufmerksamkeitsspanne sozialer Medien geschuldete 'Ultra-Short-Single' soll noch im Oktober diesen Jahres als Drei-Komma-Sieben-Vier-Inch Schallplatte auf den Markt kommen und wird nur noch gerade mal eineinviertel Minuten Musik fassen. Dafür passt die Ultra-Short mit ihren nicht mal ganz zehn Zentimetern Durchmesser gerade noch in den seitlich am Smartphone angebrachten Vinyl-Einschub der
Generation Sad.
Freiheit Drop Hot (Generalmajor featuring freedom, 2026)
Heeresinspektion: 90 BPM, C# Moll, Neptunes-Produktion mit Glitch-Synth und reduziertem Kick (nur 1, selten 3).
Typischer minimaler Westcoast-Puls, schwungvoll durch Negativraum, nicht durch rhythmische Verschiebung.
Mit der Weiterentwicklung der Tonträger wurden Popsongs bis in die Neunziger immer länger und mit üppigeren Intros und Bridges ausgestattet. Seit ein paar Jahren – mit dem Erfolg von Spotify und TikTok – werden sie wieder viel kürzer. Etwa 80 Prozent der meistgestreamten Songs sind heute unter vier Minuten lang. Wer nicht geskippt werden will, muss schnell zum Punkt kommen.
Locker Room Gøtterdæmmerung (2026)
Guitar Trio (1977)
Die Donnergötter (1984-86)
Rhys Chatham
Iggy Confidential #29
48:00 Min (Kim Gordon sitting in, 2015)
Locker Room (1979)
Double Exposure
Mr. Bean's Holiday (2007)
Trailer
wiki
Mr. Bean Does Blind Date, (1993)
Annett Scheffel
Annett Scheffel hat Journalismus und Kulturwissenschaften in Berlin und Los Angeles studiert. Sie schreibt als freie Autorin für ZEIT, SZ, Musikexpress, Deutschlandfunk und das Goethe-Institut über Musik, Film, Feminismus. Schwerpunkte: Gegenwartskultur sowie Identität, Gesellschaft und Politik. Arbeitet zwischen Berlin und L.A.
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Annett Scheffel
Videobeams / Clip-Kritiken:
Perplexity AI (Sonar Reasoning Pro, Llama-3-basiertes Modell mit
32k Kontextlänge und Chain-of-Thought-Optimierungen). LLM-Model-Karte
